Haltungssache - Ruhehaltung



Haltungssache

8 Stunden am Tag - Ruhehaltung

Wenn das Pferd nicht gerade frisst, ruht es in der Regel. Das Ruhen oder Schlafen findet hauptsächlich m Stehen statt. Während Pferde nur einen sehr kleinen Teil des Tages wirklich im Liegen zubringen - manche liegen sogar garnicht - ist das Ruhen im Stand eine weitere für das Pferd wichtige Haltung, für die sich die Natur etwas überlegt hat. Da die Pferde in den meisten unserer Haltungsformen eher weniger als 16 Stunden grasen, ist die Zeit, die sie in der Ruhehaltung verbringen entsprechend auch höher, wodurch diese noch an Bedeutung gewinnt. 

Beobachtet man Pferde beim Ruhen, stellt man fest, dass die Nase in der Regel etwa auf Buggelenkshöhe ist. Meistens wird dazu auch ein Hinterbein entlastet und das andere mittels Verriegelung der Patella gehalten. Dank dieser Funktion, kann das Hinterbein stabilisiert werden, ohne dass Muskelkraft notwendig wäre. Jetzt ist es nicht mehr nur das Nacken-Rückenband, welches das Pferd stabilisiert. Auch die Muskulatur hat hier einen Anteil. Eine besondere Aufgabe hat der M. Semispinalis. Entspringend aus der Rücken-Lenden-Binde, den 1.-7. Brustwirbeln sowie dem 6.-7. Halswirbel setzt er an der Hinterhauptschuppe des Hinterhauptbeins an. Präpariert man M. Semispinalis frei, sieht man, das er von kräftigen Sehnenstücken durchzogen ist. Wie jeder Muskel, der einen hohen Faszienanteil hat, kann er ohne große Anstrengung Kopf und Hals in einer Position halten. Fürs Reiten in Dehnungshaltung ist der Semispinalis von großer Bedeutung, schließlich sorgt er dafür, dass man Pferde in dieser Haltung energiesparend reiten kann. Anders als andere Muskeln kann der Semispinalis recht lange arbeiten, ohne zu ermüden, wodurch ein Pferd die Ruhehaltung (und auch die Dehnungshaltung) recht lange halten kann, bevor ein Wechsel der Kopf-Hals-Position erfolgen muss. 

In der Ruhehaltung ist das Genick entspannt. Es ist weder gebeugt noch gestreckt und der Kopf hängt einfach locker herab. Halsbeuger und Halsstrecker sind locker und Brust- und Lendenwirbelsäule werden über das Rückenband stabilisiert. Der Rumpf ist stabil aufgehangen, die Brustwirbelsäule aufgerichtet, wobei die Organe entlastet werden. Über das Rückenband haben wir auch hier eine stabile Lendenwirbelsäule. Die Hinterhand ist entlastet. 

Grundsätzlich verhalten sich die Strukturen in der Ruhehaltung sehr ähnlich zur Grasehaltung. Durch die etwas höhere Halsposition und den dadurch nach hinten verschobenen Schwerpunkt kommt etwas mehr Last auf das Fesselgelenk. 

Die Dehnungshaltung

In engem Zusammenhang mit der Ruhehaltung steht die Dehnungshaltung, die das Pferd in der Bewegung einnimmt. Weil sich Pferde in der Natur im wesentlichen entweder in der Grasehaltung oder für ganz kurze Zeit in einer aufgerichteten Haltung fortbewegen (dazu später mehr), fällt die Dehnungshaltung unter die künstlichen, durch den Menschen herbeigeführten Haltungen. Für das gesunderhaltende Training spielt sie aber eine wichtige Rolle. 

Genau wie bei der Ruhehaltung wird der Hals auch in der Dehnungshaltung durch M. Semispinalis und das Nackenband passiv und unaufwändig in einer Höhe gehalten. Auch wenn das Pferd in der Ausbildung zunächst einmal - weil aufgeregt - mit einer höheren Kopfhaltung laufen wird, lernt es meist sehr schnell und automatisch die Dehnungshaltung als sehr angenehme Fortbewegungsmethode kennen. Da sie viel weniger anstrengend ist, ist die Dehnungshaltung mehr oder weniger selbstbelohnend. Grundvoraussetzung für die Dehnungsbereitschaft und demzufolge auch die Dehnungshaltung ist ein zwangloses, losgelassenes Pferd. Ein entsprechend ausgebildetes Pferd geht schlichtweg ganz automatisch in Dehnungshaltung, wenn es nicht gestört wird, da diese Haltung einfach sehr angenehm und ökonomisch ist. Auch wenn die Beibehaltung der Haltung im Wesentlichen durch den passiven Halteapparat erfolgt, gibt es in der Bewegung ein paar Muskeln, die auch in dieser Haltung exzentrische Muskelarbeit leisten (z.B. M. Splenius). Aus diesem Grund ist es - auch wenn wir hier von Dehnungshaltung sprechen -, wichtig, dass die Kopfposition keinesfalls statisch anzusehen ist und immer variieren darf und soll. 

Das Schultergelenk wird wie in der Grasehaltung durch M. Serratus serratus, M. Trapezius und M. Rhomboideus steil gestellt und in Extension stabilisiert. In der Haltung werden M. Biceps bachii und M. Subsclavius trainiert. Diese beiden Muskeln werden benötigt, u die Schulterblattposition auch in anderen Haltungen zu stabilisieren. Durch das nach vorne aufgestellte Schulterblatt wird M. Serratus ventralis aufgedehnt und befindet sich in einer optimalen Arbeitsposition. Der Rumpf wird zwischen den Vorderbeinen stabil aufgehangen und der Rumpfträger kann optimal auftrainiert werden. Ein guter Trainingszustand schützt das Schulter- und Fesselgelenk sowie die unteren Strukturen im Vorderbein vor Überlastung. Brust und Lendenwirbelsäule werden über M. Serratus ventralis angehoben und durch das Rückenband stabilisiert. Der Rücken kann frei schwingen. Auch die Hinterhand wird durch die Dehnungshaltung vor einer zu frühen und zu starken Belastung geschützt. Durch die Spannung des Rückenbandes wird der Lumbosakrale-Übergang fixiert, eine zu frühe Hankenbeugung und ein zu weites Untertreten der Hinterhand wird verhindert. Die Muskulatur der Hinterhand wird nicht zu früh belastet und kann schonend durch systematische Entwicklung der Schubkraft (und nachfolgend Tragkraft) trainiert werden. 

Die Lendenwirbelsäule wird durch das Nacken-Rückenband stabil gehalten. So kann das Pferd den Reiter verschleißarm tragen, auch wenn die Bauchmuskeln noch nicht kräftig genug sind. 

Wie hoch oder tief die Dehnungshaltung sein darf, ist sehr individuell und hängt vom Vorgriff des Vorderbeins sowie dem individuellen Exterieur ab. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Pferde mit längeren Schritten und weniger Spannung im Nacken-Rückenband eine tiefere Dehnungshaltung gehen können, als Pferde mit kurzen Schritten, viel Knieaktion oder viel Spannung im Nacken-Rückenband. 

 

Aber wird dabei nicht die Vorhand überlastet? 

 

Je nach Reitweise und Interpretation ist die Dehnungshaltung ja mehr oder minder umstritten. Das größte Argument gegen die Dehnungshaltung ist, dass dabei die Vorhand überlastet würde. Die Belastung der Gliedmaßen haben unteranderem Dr. Weißhaupt und Dr. Kienapfel sehr intensiv betrachtet und herausgefunden, dass die Belastung der Vordergließmaße gar nicht so stark von der Kopf-Hals-Position abhängt, wie man glaubt. Zwischen den einzelnen Haltungen gibt es nur wenige Prozent Unterschied. Bei einem sich mit Reiter in Dehnungshaltung fortbewegenden Pferd wird die Vorhand nur mit 0,03% mehr belastet als bei freier Kopfhaltung ohne Reiter. Wir sprechen hier bei einem Großpferd von ca. 100g Unterschied. Für mich überwiegen daher die positiven Aspekte der Dehnungshaltung im Training. Zudem kann die Vorhand aufgrund der Beugesehnen und Unterstützungsbändern die Belastung viel besser ableiten, als die Hinterhand, die nur über entsprechend weniger starke Strukturen verfügt. Die häufig anzutreffenden Schäden an der Vorhand sind weniger Ursache einer zu starken Belastung der Vorhand, sondern einer falschen Belastung aufgrund ungünstigen Trainings. So ein Training kann beispielsweise sein: 

  • Reiten ohne entsprechendes Training des Rumpfträgers und dadurch Verschleiß der palmaren Strukturen am Vorderbein
     
  • zu frühe Rahmenbegrenzung ohne ausreichendes Training der Schubkraft, wobei M. Latissimus dorsi und M. Pectoralis profundes den Rumpf aktiv über das Vorderbein ziehen

 

Durch die Hypertrophie von M. Latissimus dorsi wird das Vorderbein nach hinten gezogen und rückständig. Da es sich dabei nicht mehr in einer physiologischen Gelenkausrichtung befindet, nehmen Gelenke und Bänder durch diese Stellung über kurz oder lang Schaden. 

Dem Pferd wird bei einer zu frühen Rahmenbegrenzung und Aufrichtung die Möglichkeit genommen, über die Vorhand abzurollen. Dadurch werden Beugesehnen und Hufrolle mehr belastet. Die ersten drei Halswirbel wurden überdehnt und die 4.-7. Halswirbel erfahren Kompression. Die Scalenuslücke erfährt Druck, durch diese austretende Nervengeflechte wie Plexus brachialis werden irritiert und die Vorhand in ihrer Durchblutung gestört. 

In meiner Arbeit spielt die Dehnungshaltung eine zentrale Rolle. Ich nutze sie während der Grundausbildung und beim Antrainieren nach Pausen. Aber auch bei weit ausgebildeten Pferden ist sie ein fester Bestandteil jeder Einheit und sowohl in der Lösungsphase und dem Cool-Down als auch den Pausen während der Arbeitsphase. Zudem nutze ich sie ihm Rahmen der Rehabilitation bei Pferden mit einer dominanten Spannung in der Oberlinie zur Senkung des Tonus in der dorsalen Kette und damit verbundenem hohen Sympathikotonus. Auch bei Pferden mit rückständigen oder vorbiegigen Vorderbeinen oder einer Trageschwäche arbeite ich mit der Dehnungshaltung. 

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