Haltungssache

Physiologische und unphysiologische Körperhaltungen

Von der gewünschten Haltung eines Pferdes beim Reiten gibt es so viele Meinungen wie es Reitweisen gibt. Während sich ein Westernreiter ein Pferd mit langem tief getragenen Hals wünscht, strebt der Dressurreiter nach Aufrichtung und manche Strömungen der klassischen Reitkunst verteufeln das Reiten abseits der Versammlung vollkommen. Doch was ist jetzt richtig? Was ist gesund?

 

Wie immer kommt es darauf an. Es kommt darauf an, was man mit einem wie weit ausgebildeten Pferd trainiert und auch wenn Pferde egal welcher Rasse primär Pferde bleiben, spielt das Exterieur trotzdem eine Rolle. 

Unabhängig von Reitweise und Rasse gibt erstmal die Biomechanik des Pferdes als Weidetier und Fernwanderwild vor, für welche Körperhaltungen es gemacht ist. Als Fluchttier mit einer kargen Nahrungsgrundlage ist das Pferd darauf angewiesen, sich so ökonomisch wie möglich aufrecht zu halten. Pferde verbringen den Großteil des Tages auf ihren Beinen. Schlafphasen, in denen sich das Pferd ablegt, sind immer nur von kurzer Dauer und machen bei einem gesunden, sich wohlfühlenden Pferd täglich 1-2 Stunden aus. Unsichere oder ältere Pferde legen sich oft garnicht mehr ab und verbringen 24 Stunden täglich auf ihren Beinen. Deshalb muss das Stehen für das Pferd so ökonomisch wie möglich sein. Die Natur hat dem Pferd dafür fasziale Strukturen geschenkt, die für Stabilität sorgen ohne Energie zu kosten. 

Das Nacken-Rückenband

Eine Struktur im Pferdekörper ist für die physiologische und ökologische Bewegung des Pferdes von großer Bedeutung: das Nacken-Rückenband. Es ist wie alle Bänder und Sehnen eine Faszie und wird deswegen so stabil, weil es viel Zug ausgesetzt ist. Wie alle Faszien ist also auch das Nacken-Rückenband ein kollagenes Bindegewebe. 

Das Nacken-Rückenband besteht aus dem Nackenband (Ligamentum nuchae) und dem Rückenband (Ligamentum supraspinale). Der Nackenband setzt sich aus einem paarweise angeordneten Nackenstrang (Funiculus nuchae) und der Nackenplatte (Lamina nuchae) zusammen. Ab dem dritten Brustwirbel geht das Nackenband in das Rückenband über. Dieses liegt über den Dornfortsätzen beginnend am dritten Brustwirbel bis zum letzten Kreuzbeinwirbel. Ohne Mobilität einzubüßen bieten Nacken- und Rückenband dem Pferd einen passiven Unterstützungsmechanismus und ermöglicht es, den Hals ermüdungsarm zu tragen. Jeder einzelne Halswirbel ist an der Nackenplatte aufgehängt wie an einer Wäscheleine. So muss das Pferd die Halswirbelsäule nicht mit Muskelkraft an Ort und Stelle halten. 

 16 Stunden am Tag - Grasehaltung

Der Körper des Pferdes ist nicht fürs Reiten gemacht, sondern hauptsächlich für eine Sache: Grasen. Diese Haltung nimmt es in der Natur für ca. 16 Stunden am Tag ein, die es damit verbringt, mit dem Kopf am Boden langsam einen Schritt vor den anderen zu setzen. Dabei nimmt es keinen Schaden, denn es ist dafür perfektioniert. 

Dank des Nacken-Rückenbands kann das Pferd beim Grasen den Hals ermüdungsfrei hängen lassen. Der Widerrist dient dabei als Widerlager und der restliche Pferdekörper als Gegengewicht. Die Halswirbelsäule hängt dank der Nackenplatte in einer physiologischen Stellung. Für das Pferd ist diese Haltung absolut ermüdungsfrei und es kann die wenige aufgenommene Energie für andere wichtige Prozesse verwenden.

 

Die Haltung, die das Pferd beim Grasen einnimmt, ist also absolut ökonomisch. Das Pferd kann in dieser Haltung verschleißfrei alt werden.

 

Aber was passiert eigentlich im Pferdekörper, wenn das Pferd grast? Schauen wir uns wichtige Punkte im Pferdekörper an. 

Das Kiefergelenk (Art. temporomandibularis) ist bei gesenktem Kopf ein einer optimalen Ausrichtung. Durch die Schwerkraft rutscht der Unterkiefer (Mandibula) nach unten. Während der Unterkiefer bei aufgerichtetem Kopf leicht nach hinten versetzt ist, liegen die Schneidezähne bei gesenktem Kopf perfekt übereinander. 

Das Genick, bestehend aus Hinterhauptsbein (Os ocipitale) und Atlas, sowie die kurzen Nackenstrecker (M. rectus capitis major et minor, M. obliquus capitis cranialis) sind entspannt. Der Kopf hängt nur am Nackenband. Damit das Pferd bei Gefahr den Kopf jederzeit schnell drehen kann, ist der erste Halswirbel immer frei beweglich und nicht mit dem Nackenband verbunden. Es setzt erst am zweiten Halswirbel an. Wie das Genick hängt auch die Halswirbelsäule am Nacken-Rückenband. Die Halsmuskulatur ist entspannt und die Wirbel in einer optimalen Stellung. 

Das Pferd hat in seinem fürs Stehen ausgelegten Körper zwei schwierige Winkel. Während die anderen Gelenke im Wesentlichen vertikal angeordnet sind (z.B. Kapalgelenk, Tarsalgelenk), stehen Schultergelenk (Art. humeri) und Kniegelenk (Art. genus) in einer dauerhaften Beugestellung. Ohne Muskelkraft würden diese Winkel ohne Zweifel zusammenbrechen. Das Kniegelenk löst dieses Problem über die Patellafixation, bei der das Gelenk einrastet und unbeweglich wird. An der Vorhand gibt es keine derartige Funktion. Dazu kommt noch, dass sich durch den langen Hals der Schwerpunkt nach vorne verschiebt. Das Pferd löst dieses Problem auf eine faszinierende Weise. Am Schulterblatt (Scapula), das den oberen Teil des Schultergelenks ausmacht, setzen Muskeln (unter anderem M. Romboideus und M. trapezius pars cervicis) an, die in der Grasehaltung das Schulterblatt nach vorne rotieren. Durch das Aufrichten der Schulter geht die Last mehr in Richtung des Ellenbogengelenks (Art. cubiti), welches diese aufgrund der höheren Stabilität besser auffangen kann. So wird auch das Schultergelenk passiv fixiert, wenn das Pferd den Kopf am Boden hat. 

Bereits in den 80er Jahren hat Leo B. Jeffcott an toten Pferden experimentell nachgewiesen, dass das Nacken-Rückenband einen wesentlichen Einfluss auf die Stabilität des Rücken hat. Er präparierte die Muskeln weg und stellte fest, dass in dem Moment, in dem sich das Nackenband durch senken des Kopfes spannt, der Rücken über das Rückenband angehoben wird - und zwar derart, dass man es mit Gewichten belasten kann. Selbstverständlich ist bei derlei Experimenten zu bedenken, dass ein lebendiger Organismus unter Umständen anders reagiert. Heute weiß man, dass sich die Physiologie des Pferdes insbesondere aufgrund der faszialen Vernetzungen nicht über schlichte Hebelgesetze erklären lässt. Es lässt sich aber auch am lebenden Pferd beobachten, dass der Rücken in der Grasehaltung automatisch oben gehalten und die Organe im Brustkorb nicht komprimiert werden. 

Der Einfluss der Halsposition geht aber noch weiter. Betrachtet man die Brustwirbel, erkennt man, dass die Dornfortsätze bis zum 16. Brustwirbel relativ gerade stehen. Da Knochen immer in der Richtung der größeren Zugbelastung wachsen, ist davon auszugehen, dass der Zug in diesem Bereich gleichmäßig nach vorne und hinten ist. Ab dem 17. Brustwirbel neigen sich die Dornfortsätze wieder nach vorne und zeigen damit die geänderte Zugrichtung an. Durch das Nacken-Rückenband werden die Wirbelkörper der Lendenwirbelsäule beim Grasen fixiert. Das ist auch wichtig so, denn an ihr hängen mehrere hundert Kilo Darm und bei trächtigen Stuten zusätzlich das Fohlen. Damit diese Last nicht durch die Bauchmuskeln getragen werden muss, nimmt das Nacken-Rückenband und die fixierte Lendenwirbelsäule dieses auf. Die Bauchmuskeln, welche auch an der Atmung beteiligt sind, werden entlastet und das Pferd kann ruhiger atmen.

Ab dem Kreuzbein neigen sich die Dornfortsätze nach hinten und der Zug ändert sich schweifwärts. Das gewinkelte Hinterbein ist mit seiner im Vergleich zum Vorderbein großen Masse das Gegengewicht. Gewinkelt ist es deshalb, weil das Pferd so leichter im Gleichgewicht bleiben kann. Das lässt sich einfach an einem Selbstversuch zeigen. Wenn ich mit geraden Beinen stehe und es zieht jemand nach vorne an meinen Armen, kippe ich relativ schnell nach vorne um. Gehe ich hingegen etwas in die Knie, bin ich viel stabiler. So geht es auch dem Pferd. Die gewinkelte Hinterhand sorgt dafür, dass das Pferd mit tiefem Kopf stehen kann, ohne nach vorne umzufallen oder dem Schwerpunkt hinterher zu laufen. Die Hinterhand wird beim Grasen nicht belastet. Sie erscheint mit ihren fleischigen Muskeln groß und kräftig, aber die Muskeln arbeiten in der Natur sehr wenig. 

Das Fesselgelenk (Art. metatarsophalangea) ist eines der Gelenke, die beim Pferd am häufigsten überlastet werden. Aber was passiert mit dem Fesselgelenk beim grasenden Pferd? Es steht in einer physiologischen Hyperextensionsstellung und wird durch die Sehnen stabilisiert. Durch die Vorverlagerung des Schwerpunkts wird beim Grasen statt des Fesselgelenks eher die Zehe belastet.

Wusstest du?

Der alte Schlag des Quater Horse hat einen kleinen Kopf und eine sehr stark ausgeprägte Hinterhand. Dies lag zum einen daran, dass die Pferde damals zur Fleischproduktion eingesetzt wurden, aber auch an der schnellen Beschleunigung, die für die Rennen und die Arbeit am Rind notwendig war. Bei der Rinderarbeit musste das Quater Horse mit langem, tiefem Hals im langsamen Tempo der Rinder traben können, ohne auf den Kopf zu fallen. Die massige Hinterhand hilft hier und sorgt dafür, dass diese Pferde so langsam mit tiefem Kopf traben können. Mit einem Warmblut oder Hunter geht das nicht, weshalb sie auch nicht für diese Arbeit geeignet sind.

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